Nora (seidenstrasse) wrote,
Nora
seidenstrasse

Nora in Weimar

Wie erwartet, bestand die hinter mir liegende Fahrt zu einem nicht geringen Teil aus Gelagen. Der Rest der Zeit aber ist erzählenswert.
Weimar ist im Winter zwar kalt, doch ist es wohl dennoch die beste Zeit, es zu besuchen. Wenn ich bedenke, wie viele Reisegruppen ich allein bei diesem unangenehmen Wetter angetroffen habe, möchte ich wirklich nicht wissen, wie es in der Saison dort aussieht. Falls ihr also mal nach Weimar fahren solltet: Fahrt zur Regenzeit.

am bahnhof


Da Weimar zwar nicht groß, aber an allen Ecken und Enden interessant ist, lohnt sich wirklich eine Stadtführung; vor allem, wenn man mit mehreren Personen reist und es dadurch nicht so teuer wird. Die Goethe-Schiller-Gruft ist sehr geschmackvoll, aber für literarisch Interessierte nicht allzu bemerkenswert. Ganz anders die Archive, die die Handschriften der Klassiker aufbewahren und natürlich die Häuser der betreffenden Künstler. Aufgrund der kurzen Zeit, die zur Verfügung stand, habe wir nur das Goethehaus besucht, aber allein dieser Besuch hat die Reise Wert gemacht. Es ist - auch wenn das vielleicht kindlich scheinen mag - ein erhebendes Gefühl, durch dieses Haus zu gehen und zu wissen, daß Goethe es auf gleiche Weise gemacht hat. Das Großartige ist, daß man die Wohnung völlig in dem Zustand belassen hat, wie er war, als Goethe gestorben ist. Man geht wie ein Gast durch die Räume, als sei Goethe mal eben kurz raus, Brötchen holen.

Nur zwei Räume sind abgesperrt, weil sich in ihnen viele Bücher und andere Gegenstände befinden, die zum Mitnehmen einladen. Alles andere ist weder beschriftet, noch in sonst einer Weise verändert worden. Statt dessen gibt es am Eingang kostenlose Geräte, die einem auf einem Speichermedium alles Wissenswerte über die Räume und einzelnen Gegenstände erzählen, sowie einige Werke, die von diesem oder jenem ausliegenden Ausstellungsstück inspiriert wurden. Auch liegen Gedichte aus, die Goethe überarbeitet hat, so daß man die einzelnen Arbeitsschritte nachvollziehen kann. Ich war begeistert.

daheim bei goethe


Nach diesem Besuch habe ich mir noch das Bauhausmuseum angeguckt, was sich auch als lohnend herausgestellt hat. Ich mag die Kunst, vor allem die Architektur des Bauhauses sehr, wegen ihrer Praktikabilität und schlichten Schönheit. Ein langer, aber sehr informativer Film läuft in einem Raum die ganze Zeit, und das doch eher kleine Museum hat viele auserlesene, schöne Stücke.

bauhaus museum


Auf dem Marktplatz, der nicht weit entfernt liegt, gibt es vier Buden, die Essen verkaufen. Aber was verkaufen sie? Sie verkaufen alle Thüringer Rostbratwurst. Meine Begeisterung für dererlei Genüsse ist eher eine zurückhaltende, weswegen ich mir andernorts eine andere, mir bis dato völlig unbekannte Spezialität genehmigte: Crêpes mit Käse, Schinken und Sauce Hollondaise. Wider Erwarten war es ganz gut.

Abends bin ich dann noch in das bekannte Theater von Weimar gegangen, um mir die erste Aufführung von Shakespeares Hamlet zu Gemüte zu führen. Welch fataler Fehler! Ich habe selten eine schlechtere Inszenierung gesehen. Nicht nur, daß das ganze Stück absolut von der Machtfrage weggenommen und sexualisiert wurde, es wurden auch noch - absolut ohne jeden Zusammenhang - Witze erzählt. Um nur einen zu nennen: Kommt eine Frau zum Arzt und fragt, ob sie mit Durchfall in die Wanne darf. Sagt der Arzt: Na, wenn Sie sie vollkriegen... Der Rest der Vorstellung lief dementsprechend. Ich halte nicht viel von Vorführungen, in denen der Regisseur denkt, er sei der wichtigste Künstler und der Schriftsteller hätte nur den Hintergrund gestellt. Natürlich ist eine gewisse Freiheit gegeben, und Aufführungen sind nicht automatisch schlecht, wenn sich die Regisseure Zusätzliches ausdenken, das die Thematik unterstreicht. Aber wenn sich die Schauspieler in Hamlet plötzlich "Verpiß Dich!" an den Kopf werfen, dann finde ich das gewagt.

Der Abend war also gelaufen. Ich bin nur noch enttäuscht in die Jugendherberge gegangen und habe gelesen. Am Sonntag fuhren wir ja schon wieder früh zurück, deswegen konnte ich nichts mehr ansehen. Aber ich habe fest vor, Weimar noch einmal zu besuchen. Die unglaubliche Anhäufung von Kultur auf kleinem Raum ist sehr anziehend. Nur vor dem Theater werde ich mich in Zukunft hüten.
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