?

Log in

No account? Create an account

Previous Entry | Next Entry

Faust als Manga

Wer moechte, kann sich in meinem Arbeitsjournal einen Eintrag ansehen, in dem ich mich ein bisschen ueber einen Faustcomic echauffiere.

Comments

dragonaph
Mar. 27th, 2010 04:35 pm (UTC)
man soll diesen Manga also kaufen und lesen, wenn man Faust wirklich kennen will

Das kann ich weder bestätigen noch verneinen, da ich den Manga nicht kenne. Ich habe mich an Noras Beschreibung gehalten:

... sich Goethes Werk über den graphischen Weg zu nähern.

Der Satz sagt ja schon, wie diese grafische Annäherung zu behandeln ist, als Annäherung und als Grafik. (Wobei diese Grafik zusätzlich Text beinhaltet.)


wehe mir, dass ich es wage, die Intention zu berücksichtigen

Die Intention eines Transfers sollte man immer im Hinterkopf behalten, wenn man sie nicht gar ins Zentrum der Überlegung stellt oder als Relativierungsbarometer verwendet. Zumindest ist das meine Ansicht.


Da stellt sich schon die Frage, ob das überhaupt möglich oder überhaupt wünschenswert ist (also, Faust als Comic zu lesen).

Warum nicht? Das eine Medium kann das andere nicht ersetzen. Eine Grafikadaption wäre nicht vergleichbar mit einer Textversion, weil andere Spielregeln gelten, weil auch andere Ziele verfolgt werden, andere Sinne angesprochen und so weiter. Sich ausschließlich auf den Inhalt zu konzentrieren birgt ja bereits den Fehlschritt in sich. (Ergo mein Verweis auf entsprechende Literatur und Schlüsseltheorien, wie z.B. Schmidts Konstante zur Disziplinierung der Wahrnehmung - i.e. man muss das Instrument der Botschaftsübermittlung beherrschen, um die Botschaft zu verstehen -, oder eben McLuhan. Aber das wird dann alles schon sehr theoretisch und natürlich sind, wie immer in der Wissenschaft, Theorien keine Fakten, sondern spannende Wege, die es zu erforschen gilt. =D)
riccichan
Mar. 27th, 2010 08:22 pm (UTC)
Danke für die weiteren Ausführungen!

Ich kenne den Manga auch nicht, aber die Werbeaufschrift auf dem Coverumschlag suggeriert, dass man sich nach der Lektüre brüsten können soll, Faust gelesen zu haben. Dabei wird ja explizit zwischen "kennen" (shitteiru) und "lesen" (yomu) unterschieden, was wiederum nahelegt, dass es eben nicht darum geht, lediglich den Plot in einer veränderten Form zu präsentieren, sondern den Text an sich. Da frage ich mich dann schon, inwieweit das Medium des Comic eine adäquate Wahl ist. Zumindest wenn man in Bezug auf die Werbung so spitzfindig ist wie ich. :)

Ich bin ebenfalls der Ansicht, dass die Intention eines Autors eine nicht unerhebliche Rolle bei Überlegungen zum Werk spielen sollte, und wenn auch "nur" als exemplarische Facette einer Epoche und/oder Kultur. Leider wird zumindest an unserer Uni noch immer die Intention des Autors ignoriert und ihre Berücksichtigung bei der Interpretation als nicht literaturwissenschaftliches Arbeiten sanktioniert. (Hach, es lebe der Nominalstil...)

Bei diesem Manga vermute ich einfach mal, dass er eine ähnliche Wirkung auf die Allgemeinbildung haben soll wie die ganzen "Verliere 20kg in 10 Tagen!"-Diäten auf den Körper. Ich möchte dem Manga als Medium bestimmt nicht die Fähigkeit absprechen, auch sogenannte "hohe" Literatur behandeln zu können. Nur scheint mir das hier nicht der Fall zu sein.

Okay, jetzt mache ich mich vielleicht wieder des Fehlschritts schuldig, den Inhalt über die Form zu stellen. Das Problem ist vermutlich, dass (wie du auch schon angesprochen hast) die persönliche Wertung einfach zu stark in die Überlegung zu diesem Manga hineinspielt. Mag sein, dass der Manga die Botschaft in der ihm angemessenen Form überträgt. Das müsste man vermutlich in Kenntnis der entsprechenden Methodik genauer untersuchen.

Wie sähe eine solche Untersuchung aus? Würde man den Manga nach Methoden der relevanten Disziplinen analysieren, ohne auf die literarische Vorlage zu rekurieren, um seine Botschaft in ihren vielfältigen Erscheinungen zu destillieren? Und dann eine entsprechende Analyse des literarischen Texts gegenüberstellen, sozusagen ein Vergleich der Essenzen unter Berücksichtigung verschiedener Blickwinkel? Oder ist das überhaupt nicht sinnvoll oder möglich (wie deine Ausführungen ja eher vermuten lassen)? Kann man dann überhaupt einen Vergleich versuchen, und wenn ja, wie?

Wie würdest du - mit Rücksicht auf deine Vorbehalte - zu beurteilen versuchen, ob es sich bei dem Manga um eine gelungene Adaption handelt?

Ist wirklich ein spannendes Thema!
dragonaph
Mar. 27th, 2010 09:07 pm (UTC)
Ah, danke für die Übersetzung, das erklärt natürlich einiges! Ja, ich denke auch, es ist dürfte sich um eine Art Faust light für Pop-Kultur handeln.

Was eine Untersuchung betrifft - das Vertrackte (und zugleich so Spannende) an der Medientheorie ist, dass es kaum "abgesessenen" Kanon gibt zum Einen, zum Anderen ist sie eine interdiziplinäre Sparte, die sich mit einer Vielzahl an Gegenständen kreuzt. Literatur, Film, Bühne, Kommunikationswissenschaft, Sprachen... um nur einige zu nennen. Entsprechend viele Ansatzmöglichkeiten und Untersuchungsblickwinkel gibt es.

Würde ich eine vergleichende Analyse einer Inhaltstransformation zwischen Medien anstreben, ich persönlich würde mich erst einmal mit der Definition des Medienbegriffes auseinandersetzen und mich auf einen (oder zwei, je nach Abhandlung) festlegen. Es gibt die interessantesten Theorien und Modelle rund um content, medium oder remediation und letztendlich kommt es da auf dich an, nach welchen Richtlinien es dich interessieren würde, einen solchen Transfer zu untersuchen. "Den" Medienbegriff per se gibt es so nicht wirklich, wenngleich sich natürlich einige prägnante Modelle eingebürgert haben und der umgangssprachliche Gebrauch des Wortes ein Übriges tut.

Dann müsste ich mich entscheiden, was der Kern der Untersuchung sein soll: formale Vorgaben der verwendeten Medien? Inhaltliche Konsistenz? Innovation? Wegfall und Zugewinn? Eine Theorie, deren Struktur ich anhand der Untersuchung testen möchte? Aus welcher "Ecke" will ich kommen, aus dem graphischen Bereich, aus der Manga-Geschichte, aus der Literaturgeschichte, aus der Kommunikation etc. (Ohne auf die Vorlage zu rekurrieren geht bei einem Vergleich nicht. Die Frage ist, auf welche Aspekte man sich bezieht, und sich ausschließlich auf inhaltliche Übereinstimmung ohne Berücksichtigung aller weiteren Faktoren zu beschränken, ist meiner Meinung nach irgendwie sinnlos. =))

Naja, und dann fängt die Klauberei an. ;)

Ich kann so nebenher und ohne den Manga zu kennen (oder mir Faust erneut anzulesen) gar nichts beurteilen. Ich könnte mir z.B. gut vorstellen, dass man Faust als graphische Novelle à la Sandman (Gaiman) sehr gelungen neu erschaffen könnte. Man muss sich halt bewusst sein, dass ein Comic andere narrative Mittel verwendet als reiner Text. Wie Nora anmerkte: 127 Verse Monolog graphisch darzustellen ist möglicherweise nicht machbar, möglicherweise aber doch, würde jedoch anders aussehen, da mit anderen Werkzeugen gearbeitet wird. Text ist nur ein Teil, der je nach Bildkomposition stärker eingebunden sein kann oder auch ganz wegfallen kann.

Der Wunsch nach Erhalt der Poesie ist eine Falle, die man sich selber stellt. Die Poesie eines reinen Textwerkes kann so - meiner Ansicht nach - nicht im ursprünglichen Sinn erhalten werden, sie kann nur neu und anders erschaffen werden. Ich habe festgestellt, dass das oft schwer zu akzeptieren ist; überleg mal, wie Menschen auf Filmadaptionen ihrer Lieblingsbücher reagieren. Man will da selten Neues sehen, sondern das, was man sich geistig während des Lesens erträumt oder erarbeitet hat. Das kann natürlich nur selten klappen.


Das Problem ist vermutlich, dass (wie du auch schon angesprochen hast) die persönliche Wertung einfach zu stark in die Überlegung zu diesem Manga hineinspielt.

Wie gesagt, hätte Nora das nicht in ihrem Arbeitsjournal geschrieben, hätte ich mir nichts weiter dabei gedacht und es als persönliche Wahrnehmung ad acta gelegt, wie man halt auch erzählt "der Film hat mir gefallen". Da ich es aber so verstanden habe, dass das Arbeitsjournal Teil ihrer wissenschaftlichen Präsentation ist, konnte ich es nicht ganz unkommentiert stehen lassen. ;)


...wollen wir nicht lieber über Schauspieltheorien sprechen? Da bin ich etwas firmer. ;P
seidenstrasse
Mar. 30th, 2010 02:49 am (UTC)
Das passiert, wenn man mal ein paar Tage nicht online ist!
Danke fuer das viele Feedback. Ja, meine Kritik bezieht sich ganz explizit darauf, dass der Manga (wie auch in der Ueberschrift und meinem ersten Satz schon beschrieben) suggeriert, dass man damit Goethes Faust kennenlernen koennte. Das ist das ganze Problem. Das kann man nicht, und deswegen meine Kritik, die nicht nur als eine persoenliche Meinung gemeint ist. Aber ich glaube, alles, was ich dazu zu sagen habe, steht schon im Text selbst.

Uebrigens koennt ihr gerne im Journal selbst diskutieren - da wuerde ich mich freuen, wenn Diskussionen entstehen koennten, wo auch mehr Leute davon mitbekommen.
dragonaph
Mar. 30th, 2010 09:49 am (UTC)
Ja, meine Kritik bezieht sich ganz explizit darauf, dass der Manga (wie auch in der Ueberschrift und meinem ersten Satz schon beschrieben) suggeriert, dass man damit Goethes Faust kennenlernen koennte.

Du hast Recht, das konnte ich so tatsächlich nicht herauslesen. Aber vermutlich bin ich auch etwas betriebsblind und suche nach eindeutigen Thesen/Aussagen oder Theoriebezügen in einem wissenschaftlichen Text. Für mich las es sich so, als würdest du einerseits erwarten, dass Faust 1:1 zwischen Medien übertragen werden kann, und dass es andereseits generell ein Fakt sei, dass eine Transformation von "Faust" zwischen zwei Medien nicht klappen kann, ohne die Essenz in beiden zu erhalten bzw. beide "erfolgreich" oder "gelungen" zu machen. Das war es, was ich kritisiert habe.
seidenstrasse
Mar. 30th, 2010 02:51 am (UTC)
Ich habe den Eintrag noch einmal gelesen: das mit dem graphischen Weg macht die Sache tatsaechlich etwas undeutlich. Das schreibe ich mal um, damit klarer wird, worum es mir geht.
seidenstrasse
Mar. 30th, 2010 03:08 am (UTC)
Nun hast Du schon fast alles geschrieben, was ich Aph geantwortet haette, wenn ich auf das Internet haette zugreifen koennen. Wie gesagt, es ging ja darum, Faust kennen zu lernen, und zwar den Faust von Goethe, weswegen er ja als Autor angegeben wurde.

Goethes Faust selbst ist ja schon eine Transformation einer Legende zu einem Drama und ich wuerde nie unterstellen, dass Transformationen an sich immer zum scheitern verurteilt werden. Aber so, wie es hier versucht wurde, klappt es aus genannten Gruenden nicht.