Nora (seidenstrasse) wrote,
Nora
seidenstrasse

Was soll bloß aus mir werden!

Es wäre sehr günstig, wenn ich in diesem Monat entscheiden könnte, was ich mit dem Rest meines Lebens mache. Warum so schnell und warum den Rest meines Lebens? Nun, ich erzähle von vorn.

Eines weiß ich schon: Ich möchte gerne mein ganzes Leben in der Universität verbringen und in einem Elfenbeinturm verstauben. Aber es soll ein schöner Elfenbeinturm sein. Damit er das wird, sollte ich ein Thema erforschen, daß mich möglichst lange bei Laune hält. Die generelle Richtung der Forschung wird normalerweise von der Doktorarbeit, und die generelle Richtung der Doktorarbeit von der Magisterarbeit entschieden.

Zwar ist meine Magisterarbeit noch mehr als zwei Jahre entfernt, aber gerade habe ich die Möglichkeit, in China viele nützlichen Bücher dafür sehr billig zu besorgen und sie (in einem Monat) meiner Verwandtschaft, die mich besuchen kommt, mit auf den Weg in die Heimat zu geben. Doch bevor das geschehen kann nun zu meinem eigentlichen Problem.

Ein Grund für meine Entscheidung, mein Auslandsjahr in China zu verbringen, war, daß ich herausfinden wollte, ob ich genügend Leidenschaft aufbringen kann, meine Magisterarbeit in der Sinologie zu schreiben, oder ob ich doch lieber in der Japanologie schreiben möchte. In diesem Punkt herrscht nun unangenehme Klarheit: Ich kann die Leidenschaft aufbringen. Mittlerweile gleichen meine Fähigkeiten in der chinesischen Sprache denen im Japanischen und auch mit den Chinesen habe ich meinen Frieden geschlossen. Einerseits habe ich mir so eine Entwicklung gewünscht, andererseits stehe ich vor der Frage, in welchem Fach ich meine Magisterarbeit denn nun schreiben möchte. Am liebsten wäre mir natürlich ein Thema, in dem mir beide Fachgebiete zu Nutzen kommen würden. Ich erzähle nun kurz die verschiedenen Möglichkeiten.

(1) Geschichte

Das naheliegendste Themengebiet, das sich gut vereinen läßt, ist Geschichte, in der es unzählige Schnittpunkte gibt. Obwohl ich Geschichte zu einem meiner wichtigsten Interessen zähle und obwohl meine Arbeit nach der Rückkehr viel damit zu tun haben wird, weiß ich schon, daß ich nicht all meine Energie aufbringen kann, um sie fachgemäß zu behandeln. So hat dieses spannende Themengebiet leider von vornherein keine Gelegenheit, mich als Forscher zu gewinnen.

(2) Sprache

Sprache ist ein Thema, daß mich durchaus bei Laune hält. Es böten sich grammatikalische Vergleiche, Auseinander- und Aufeinanderzuentwicklungen an und vieles mehr, bei dem man Japanisch und Chinesisch verbinden kann. Doch die Frage bleibt: Wie wird mir, wenn ich dann Dozent oder - ich wage es kaum zu hoffen - Professor werde? Ich studiere nicht vergleichende Sprachwissenschaft. Von einem rein theoretischen Grammatiklehrstuhl für eine spezielle Sprache habe ich noch nie gehört. Ich könnte gut und gerne Grammatikdozent werden, wäre da nicht der Umstand, daß ich zum einen keine Chance auf eine Professur hätte, zum anderen aber, was noch wichtiger ist, jedes Jahr das Gleiche unterrichten müßte. Darauf habe ich keine Lust. Das Schöne am Dozententum ist ja, daß man häufig einen interessierende Phänomene untersuchen und dann darüber öffentlich sprechen kann. Obwohl es mir jetzt viel Spaß macht, dieses eine Jahr für Chinesen Deutsch zu unterrichten, glaube ich, daß es mir nach drei Jahren nicht mehr so gehen würde.

(3) Literatur

Am ehesten sehe ich daher meine Zukunft in der Literatur, insbesondere in der weltbejahenden, also nicht der Suizid-Literatur, wie sie die Japaner gerne mögen. Als Forschungsobjekt schwebt mir da zum Beispiel Inoue Hisashi vor. Über ihn und seine Humortheorie, aber auch über seine Werke würde ich gerne meine Magisterarbeit schreiben. Die Sache hat natürlich zwei Haken: Zum einen ist das ziemlich speziell für eine Magisterarbeit und schwer zur Doktorarbeit ausbaubar, wenn man nur über einen Autoren forscht. Mein Thema müßte also weiter gefaßt sein; etwa: Die Neuentdeckung des Humors im Japan der Nachkriegszeit. Frage ist dabei aber: Was hat das mit China zu tun? Nichts!
Es bietet sich nicht mal so recht ein Vergleich der Literatur der Gegenwart an, weil es zu wenig zu vergleichen gibt. Japanische und chinesische Literatur sind zwei große Welten, und sie zu vergleichen würde, soweit ich jetzt überblicken kann, wenig große Einsichten, dafür aber großen Aufwand bedeuten. Hier möchte ich mir gerne eine Lösung einfallen lassen, aber sie fällt bisher noch nicht.

(4) Kacke

Ein sich geradezu aufdrängendes Thema in der letzten Zeit ist die Gelassenheit, mit der in Japan über das schöne Thema Kacke gesprochen wird. Neulich durfte ich zum Beispiel sehen, wie in einem Fernseh-Drama ein junger Mann mit einem Blatt und einem Stück Hundekot Sushi bastelt. Wenig später sah ich eine Fernsehserie, deren Held immer dann Superkräfte erhält, wenn er sich in die Hose macht, was lange und sehr deutlich gezeigt wird. Meine Mitbewohnerin erzählte von einem Idol, das in ihrem Journal von der schönen Kackwurst, die sie am Morgen gemacht hat, schrieb, und daß sie davon ein Photo gemacht habe und es an viele Leute verschickt habe.
Es gibt sehr viele andere Beispiele, aber sie alle sagen: Japan hat ein anderes Verhältnis zu Kacke als zum Beispiel unsereins. Eine Forschungsarbeit darüber zu schreiben wäre sicher nicht wenig unterhaltsam! Bevor jetzt jemand von einem "Scheißthema" spricht: Ich habe mir alle Witze, die man machen könnte, schon längst selbst ausgedacht.
Was ist der Haken hierbei? Nun, wer stellt eine Professorin ein, deren Doktorarbeit "Japan und die Kacke" lautet?
Eben.
Tags: uni, vorschau
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