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Tag 1 [Nanjing] - Weltkrieg auf der anderen Seite der Kugel

Ich war nicht da, wie dem ein oder anderen aufgefallen sein wird. Tatsächlich war ich aber doch da, nur nicht hier. Nun aber wird das letzte Geheimnis gelüftet. Da war ich:


Tag eins ist eigentlich Nacht eins - Wir fuhren mit meiner Tandempartnerin und Freundin Xiaoxi abends um neun Uhr vom überfüllten Hauptbahnhof von Peking los.


Die Schlafwagen sind um vieles besser als die Hart-Sitz-Wagen, von denen ich schon einmal vor zwei Jahren berichtet habe. Es ist natürlich auch sehr eng und sehr voll, aber sauber und im Grunde genommen ruhig. Wir haben sogenannte hard-sleeper Betten bekommen. Drei Menschen werden dabei auf einander gestapelt und ich konnte mir durch die durch Beengtheit bedingte Akrobatik beim Umziehen meinen Abendsport sparen.


Es war leider überheizt, so daß ich einige Schwierigkeiten hatte, einzuschlafen. Im Bild: Ein Profi erklärt uns, wie man die in Chinas Zügen so beliebten Fertignudeln auf artgerechte Weise durchziehen läßt.


Am nächsten Morgen konnte ich ein bißchen was von der Landschaft mitbekommen. In der Provinz Jiangsu, von der Nanjing die Hauptstadt ist, gibt es sehr viele Seen und Flüsse und eine hohe Luftfeuchtigkeit. Es war die ganze Zeit über vernebelt. Erkennen konnte ich nur viele bruchfällige, einige halbaufgebaute und dann vernachlässigte, aber auch einige neu gebaute Häuser. Gemeinsam war ihnen allen, daß sie Sonnenkollektoren wie Wäscheklammern auf ihr Dach geklemmt hatten.


In Nanjing angekommen mußten wir erst einmal feststellen, daß wir uns dort zur das Wetter betreffend schlechtesten Zeit aufhalten würden. Es regnete den ganzen Tag pausenlos und wir bekamen sogar im Wetterbericht zu hören, daß es am nächsten Tag schneien solle. (Der aufmerksame Beobachter hat gemerkt, daß ich mit dem vorangegangenen Bild mir erlaubt habe, etwas vorzugreifen.) Leicht durchweicht kamen wir in der Jugendherberge an, wo wir erst einmal unser Gepäck ablegten. Dort gab es erst einmal ein ärgerliches Mißverständnis. Ich dachte, per Internet schon alles bezahlt zu haben. Tatsächlich stellte es sich aber heraus, das dem nicht so war. Aber nach kaum 20 Minuten Diskussion war es ja geklärt... Da es allerhöchste Frühstückszeit war, versuchten wir uns an den ersten Nanjinger Spezialitäten: einer Art gebratenen Maultaschen und einer pfeffrigen Hühnersuppe.


Daraufhin ging es gleich zu unserem eigentlichen Ziel: Dem Museum zum Nanjing-Massaker. Das Museum ist gerade umgebaut worden und sehr groß und eindrucksvoll. Es ist direkt auf einem Massengrab gebaut, das zum Teil freigelegt wurde. Alle Texte stehen auf Chinesisch, Englisch und Japanisch bereit, so daß wir dort gute drei Stunden mit dem Lesen schmerzhafter Berichte verbrachten.


Man merkt dem Museum, neben seiner infomativen und verhältnismäßig sachlichen Formulierungsweise an, daß mit ihm vor allem ein Ziel verbunden ist: Der Welt, vor allem aber Japan selbst klar machen, daß es ein solches Massaker überhaupt gegeben hat und welche Ausmaße es angenommen hat. In dieser Hinsicht unterscheidet es sich von Mahnstätten zum deutschen Faschismus, denn den Deutschen muß heute keiner mehr erzählen, was für ein Unrecht sie begangen haben - das wissen die inzwischen selbst ganz gut. In Japan ist es anders, wie ich erneut mit meiner Mitbewohnerin feststellen konnte, die mir sagte, das in ihren Geschichtsbüchern dem zweiten Weltkrieg nicht mehr als eine halbe Seite gewidmet war.


Japanisches Brettspiel "Einfall in Nanjing" (aus der Zeit kurz nach dem Massaker)



Daraufhin führte uns Xiaoxi noch in eine Shoppingmeile, wo es auch ein Restaurant mit Küche aus Shokos Lieblingsland, der Schweiz, gab. Ironischerweise ist Japan in Sachen Mode Vorbild für die Nanjinger Jugend. (In Peking ist es Südkorea.) Alles war voller japanischer Läden. Abends lud uns Xiaoxis Mutter zu einem hervorragenden Nanjinger Festmahl ein.
Tags: beijing:ausflug
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