Nora (seidenstrasse) wrote,
Nora
seidenstrasse

Mein Leben als Sklave der Gelehrtsamkeit

Vom ersten Tag an, als ich hier den Japanischunterricht begonnen habe, hat sich in meinem Lernen und Leben etwas wohl recht Bedeutsames geändert, über das ich schon seit Wochen versuche zu berichten. Obwohl dieser Eintrag sehr lang ist, möchte ich allen Sprachenlernern unter Euch ans Herz legen, ihn trotzdem zu lesen, denn ich glaube, daß er sehr nützlich sein kann. (Das ist jedoch nicht unbedingt mir zu verdanken.) Aber fangen wir von vorn an.

Wie andernorts schon erwähnt, habe ich über die Internetplattform mixi, die von fast allen internettauglichen Japanern genutzt wird, von einem sehr guten Japanischlehrer namens Oikawa erfahren, der an der Qinghua Universität unterrichtet. Diese Universität ist nach der Peking-Universität die prestigereichste in China und liegt nur einige hundert Meter von dieser entfernt. Zuerst habe ich versucht, am Japanischunterricht in der Pekinguniversität teilzunehmen, aber da mir das verwehrt wurde, habe ich mich, wiederum via mixi, bei Herrn Oikawa erkundigt, ob ich nicht an seinem Unterricht teilnehmen könne. Der hieß mich sehr herzlich willkommen.

Ich ging also mit einem Zug von Selbstüberschätzung in die erste Stunde der seit zwei Jahren lernenden Chinesen. Da erwartete mich die größte Überraschung meines Lebens in Peking: Die Schüler sprachen Japanisch. Aber nicht irgendwie; sie sprachen zum großen Teil akzentfrei und vor allem grammatisch korrekt. Das war nicht nur mein laienhafter Eindruck - ein japanischer Gasthörer war an diesem Tag auch dabei und ging die ganze Zeit davon aus, daß es sich bei einem Teil der Teilnehmer um Japaner handele. Es war ein schwarzer Tag für mein Selbstbewußtsein.

Noch schwärzer sah es aus, als ich am Dienstag zum Unterricht derer ging, die ein Jahr Japanisch hinter sich hatten. Die Studenten dort sprechen nach dieser Zeit besseres Japanisch, als die meisten unserer Studenten nach Abschluß ihres Studiums. Während ich im Unterricht noch baß erstaunt und aufgeregt dem Geschehen folgte, stellte sich am Abend ein für mich sehr ungewöhnlicher Fall von Deprimiertheit bei mir ein. Tatsächlich hatte und eigentlich habe ich auch immer noch das Gefühl, Jahre meines Lebens verschwendet zu haben, wenn ich solche Fähigkeiten sehe. Nun gibt es natürlich einige gute Ausreden, die ich mir auch alle schon habe einfallen lassen: Chinesen lernen japanisches Vokabular viel schneller, weil sie einen Großteil davon aus ihrer eigenen Sprache kennen. Außerdem lerne ich nebenbei auch noch eine andere recht zeitaufwendige Sprache. Trotzdem hätte ich sicher sehr viel mehr schaffen können, wenn ich früher an dieser Uni gewesen wäre.

Natürlich war ich in meiner Zermürbtheit auch wahnsinnig erpicht darauf zu erfahren, wie es kommt, daß alle Schüler so schnell so gut sprechen können. Bevor ich nach China kam, war ich der festen Überzeugung, daß es die perfekte Lernmethode nicht gäbe und jeder seinen eigenen Weg finden müsse, aber anscheinend ist dem nicht so. Ich habe jetzt den Unterricht einige Wochen verfolgt und mich auch längere Zeit mit Herrn Oikawa unterhalten. Das Ergebnis ist so simpel wie erstaunlich, es lautet: Auswendiglernen.

Nun ist das nicht gerade das beliebteste Hobby in Deutschland. Ich selbst habe es nur gemacht, wenn ich gezwungen wurde und dann auch nur soweit, daß ich es gerade noch während des Aufsagens im Gedächtnis behalten habe. Die Schüler hier lernen aber nicht (nur) für Aufführungen auswendig, sie lernen für sich selbst auswendig, und zwar Lehrbuchtexte, Dialoge, selbst geschriebene Vorträge, Floskeln. Vor dem Unterricht, in den Pausen und nach dem Unterricht sieht man sie in den Gängen, Klassenzimmern, auf den Plätzen und Gartenanlagen und abends sogar im Wohnheim von Herrn Oikawa Texte mit lauter Stimme, ausdrucksstark und mit richtiger Akzentsetzung und natürlicher Betonung rezitieren.

Es ist wirklich keine Übertreibung: Die Studenten, die seit zwei Monaten auf diese Weise gelernt haben, sprechen besser als die FU-Studenten nach einem Jahr. Man könnte weinen, oder man könnte sich in den Hintern treten und nacheifern. Ich versuche zur Zeit das Letztere. Da mein Volk keine tausendjährige Tradition im Auswendiglernen hat, hole ich mir bei allen möglichen Studenten, bei Herrn Oikawa selbst und demnächst auch bei meiner schlauen Schwester Tips dafür. Damit dieser Eintrag aber nicht noch länger wird, schreibe ich sie, falls Interesse besteht, in einem gesonderten Eintrag gerne noch einmal auf.

Damit ihr wißt, daß ich nicht übertreibe: Hier sind zwei Videos aus dem Unterricht, einmal von einem, der ein Jahr gelernt hat und einer, die seit zwei Jahren lernt. (Am Anfang verheddert sie sich ganz kurz, aber danach ist es so gut wie perfekt. Sie hatte nur 1 Woche Vorbereitungszeit.) Es handelt sich dabei nicht um Aufnahmen der besten der Schüler dort, sondern um Videos, bei deren Aufzeichnung ich dabei war.

Weitere Neuigkeiten:

Die beste Idee des heutigen Tages war, mir warme Hausschuhe zu kaufen. Mittlerweile sind in Peking die Temperaturen unter Null gefallen.


Neulich entdeckte ich, daß unser Luftbefeuchter noch jede Menge Freunde hat. Inzwischen hat er auch einen Namen (Pipo-kun) und ein Lied, genau wie all die vielen anderen Tiere in unserem Haushalt, zum Beispiel Hunger-san:


Dieser Name stammt nicht von mir, sondern von meiner neuerdings deutschlernenden Mitbewohnerin.

Ansonsten habe ich nächste Woche zwei Prüfungen und einen Vortrag, sowie übernächste Woche meinen langen Vortrag im Japanischunterricht, um den ich mir natürlich wer-weiß-was für einen Kopp mache. Zur Zeit mache ich das, was man immer so macht, wenn man wahnsinnig viele Hausaufgaben hat: Meine Webseiten erneuern, intensiv Nachrichten lesen, lange Journaleinträge schreiben... Aber es geht schon irgendwie mit dem Lernen.

Darüber habe ich gestern sehr laut lachen müssen. Arme Mitbewohnerin.
Tags: beijing:unterricht
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