Nora (seidenstrasse) wrote,
Nora
seidenstrasse

Zeit für die Revolution

Am 08.10.2007 wurde in der großen Halle der Peking-Universität die Revolutionsoper 山乡风云 (Shang Xiang Feng Yun - In etwa: Sturm in der Bergstadt) aufgeführt. Es war ein herausragendes Erlebnis und zugleich überraschend als auch genau so, wie man sich das immer vorgestellt hat.


Mit der Vorstellung dieses Stückes steckt man automatisch in einigem Dilemma. Eine chinesische Oper einem westlichen Publikum zum ersten Mal dazubieten, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt - sie wird nur auf Ablehnung stoßen können, wie viel man auch erklärt und vorbereitet. Chinesische Opernmusik ist immer sehr fremd die ersten 5 bis 20 Male. Und mit fremd ist hier anstrenged gemeint, denn die Damen singen sehr hoch, die Laute sind ungewöhnlich und zwischendurch gibt es alle Arten von Krach aus Richtung der Schlaginstrumente. Hinzu kommen die Melodien selbst, die, so möchte ich aus eigener Erfahrung behaupten, sehr eingängig sind, wenn man sich an sie gewöhnt hat - was aber, wie bereits angedeutet, recht lange dauern kann.


Nun aber zur Oper selbst: Die Geschichte von Shang Xiang Feng Yun ist in groben Zügen leicht erzählt: Ein von der Guomindang-Herrschaft und feudalen Verhältnissen gequälte Berggegend in China organisiert einen Aufstand. Dabei schleicht sich die Anführerin Jiang Wenduan (蒋文端) als Lehrerin in die palastartige Anlage des Oberbösen und schleust am Festtag erste eine Gruppe von Musikern, dann alle restlichen Bauern und Sklaven hinein, die schließlich die Befreiung einleiten.




Der Anfang zieht sich unheimlich dahin, mit rührseligen Szenen und ungezügelten Lobliedern auf die Kommunistische Partei, wobei das letztere von beiden immerhin sehr unterhaltsam ist. Mit dem Einzug von Jiang Wenduan in die Palastanlage wird aber die Handlung zunehmend dynamischer, die Dialoge bisweilen sogar spritzig. Die amüsantesten Schlagabtausche finden sich zwischen Jiang und dem Guomindang-General Peng Chiquan (彭炽权), in denen sich die Spitzfindigkeiten übertrumpfen, aber auch zwischen Peng und einem intellektuellen, insgeheimen kommunistischen Kolloborateur (林家宝 - Lin Jiabao): (Der Dialog ist nur lose aus dem Gedächtnis zusammengerauft.)


Peng: Ich sage Ihnen, diese Frau ist ein kommunistischer Spion!
Lin: Aber, aber, mein Lieber. Sie ist hier die Lehrerin. Sie ist fleißig, hat ein gutes Herz, ist belesen, klug und immer hilfsbereit.
Peng: Genau das ist es ja! Wir müssen mißtrauisch sein, denn die Leute aus dieser Partei sind ja genau so!
Lin: Ach, ist das so? Und in welcher Partei sind dann alle bösen Menschen?
Peng: (betretenes Schweigen)


Schließlich gibt es am Ende die Revolution mit allem Drum und Dran, daß heißt jeder Menge Schießerei, artistischen Darbietungen, fliegender Jiang und riesiger roter Fahne. Beim folgenden Video sei deswegen angeraten, bis zum Ende durchzuhalten oder doch mindestens bis zum Ende vorzuspulen.


So viel zu dem, was ohnehin zu erwarten war. Es gab aber auch ein paar positive Überraschungen. Zum einen die - wenn man chinesische Opern mag - gute Musik. In der Aufführung waren auch ausgezeichnete Sänger am Werk. Das Bühnenbild und die Kostüme waren ebenfalls sehr gut und recht originalgetreu. Es war, kurz gesagt, eine gute Oper.


Inhaltlich fand ich aber noch etwas anderes interessant: Die Emotion, die in dieser Oper hauptsächlich thematisiert wurde, war Wut. Aber, dem Thema entsprechend, ging es hier nicht darum, Wut zu unterdrücken oder aus durch Wut verursachten Fehlern zu lernen - Wut war stattdessen die treibende Kraft der Geschichte, denn durch sie ließen sich die Aufständigen mobilisieren. Das führte dazu, daß Wut sehr positiv belegt wurde und die von Wut handelnden Lieder immer die kräftigsten und fröhlichsten waren.


Nun aber die Oper!


Noch zwei Dinge zu dem Aufnahme:
(1) Natürlich klang es live nicht so blechern wie mit dieser Kamera.
(2) Man macht sich durch eine Aufnahme dort nicht unmöglich: Viele Chinesen ihre Videokameras mit und filmen während der Aufführungen.

Tags: beijing:ausflug
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