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Minderheiten in Japan

Für Landeskunde mußte ich einen gelesenen Text zusammenfassen. Es handelt sich also nicht um ein Produkt ausgedehnter Recherche oder gar mein geistiges Eigentum, sondern nur um einen gekürzten, übersetzten und umformulierten Text. Vielleicht interessiert sich ja jemand für das (zugegebenermaßen hier nur angerissene) Thema, deswegen steck ich es mal unter diesen Absatz:

Zusammenfassung des Textes zur sechsten Sitzung: Soziale Minderheiten
Textvorlage: Brandes, Frank; Josef Kreiner; Ralph Lützeler; Hans Dieter Ölschleger. 2004. "Minorities in Japanese Society". Modern Japanese Society. Josef Kreiner; Ulrich Möhwald; Hans Dieter Ölschleger (Hg.). Leiden: Brill, S. 181-219


Die Existenz von Sozialen Minderheiten in Japan ist, obwohl durch Zahlen belegbar und offensichtlich geworden, noch immer ein nicht unstrittiges Thema der japanischen Politik und Gesellschaft. Noch 1979 war die offizielle Stellungnahme der japanischen Regierung an das U.N. Komitee für Menschenrechte, daß keine Minderheiten im Sinne der dort festgelegten Definition in Japan existierten. Stattdessen wird in der Diskussion im Inland (日本人論 – nihonjinron) meist von einer homogenen japanischen Kultur und Rasse ausgegangen, und zwar sowohl bei Verfechtern und Widersprechern dieser.
Dem entgegen können jedoch verschiedene Minderheiten festgestellt werden; angefangen von den Ureinwohnern Japans über Einwanderer und zurückkehrende Emigranten bis hin zu sozial ausgegrenzten Teilen der japanischen Bevölkerung selbst.

Japans Ureinwohner, die Ainu (アイヌ), siedelten ursprünglich auf Hokkaido, der Insel Sachalin (japanisch: 樺太 – karafuto) und den Kurilen (japanisch: 千島列島 – chishimarettou). Heute leben die noch etwa 24.000 sich selbst als Ainu identifizierenden Menschen hauptsächlich auf Hokkaido. Obwohl sie in früher Zeit Fischer, Jäger und Sammler waren, wurden sie bereits 15ten Jahrhundert in das ökonomische System Japans eingefügt, wobei sie in immer größere Abhängigkeit gerieten. Seit der zweiten Hälfte des 19ten Jahrhunderts ist die unabhängige Wirtschaft der Ainu auf Hokkaido vollständig verschwunden. 1899 gab es zwar das sogenannte Gesetz zum Schutz der Ureinwohner Hokkaidos (北海道旧土人保護法 – kokkaidou kyuudojin hogohou), das eine Eingliederung bezweckte, jedoch letztlich die weitere Verarmung der Ainu nicht verhinderte.
1930 wurde die erste Gesellschaft zur Vertretung der Interessen von Ainu gegründet, die jedoch aufgrund von starker Verflechtung mit der Regierung wenig veränderte. Erst in den 60er und 70er Jahren des 20sten Jahrhunderts gab es erste unabhängige Ainubewegungen, die zu einer Art Wiederbelebung ihrer Kultur führte. Schließlich zwang dies die japanische Regierung 1997 das Neue Ainu-Gesetz (アイヌ新法 – ainu shinpou) in Kraft zu setzen, das weit eher auf die tatsächlichen Bedürfnisse dieser Minderheit eingeht.
Noch immer jedoch gehören die Ainu zur ärmeren Bevölkerungsschicht und sind oft Diskriminierungen ausgesetzt.

Sind die Ainu häufig noch äußerlich von Japanern zu unterscheiden, so gilt das für die Minderheitengruppe der Burakumin keineswegs. Es handelt sich dabei vor allem um Nachfahren der, besonders in der Tokugawa-Periode (1600 - 1868) vom Rest der Bevölkerung getrennten und Repressalien ausgesetzten Gruppe von Schlächtern, Gerbern und anderen Arbeitern, die mit Tod oder Blut in Berührung kamen (穢多 - eta) sowie Bettlern, Vagabunden und Kriminellen (wörtlich „Nicht-Menschen“ 非人 - hinin). Sie mußten in speziellen Dörfern siedeln und waren durch Kleidung vom Rest der Bevölkerung unterscheidbar. Doch nicht alle heutigen Burakumin sind direkte Nachfahren dieser Schicht.
In der Meiji-Zeit (1868 - 1912) wurden erste Maßnahmen ergriffen, um die Lage der Burakumin zu verbessern. Ihre Bezeichnung wechselte von den oben genannten zu Neuen normalen Bürgern (新平民 - shinheimin), doch ihr Lebensstandard änderte sich nicht maßgebend; noch immer waren sie auf wenig angesehene Gewerbe beschränkt und von der restlichen Bevölkerung verachtet. Seit 1922 bestand eine Gemeinschaft zur Bekämpfung der Diskriminierung von Burakumin, doch erst nach Ende des zweiten Weltkrieges und der Gründung der heutigen Organisation zur Befreiung der Buraku (部落解放同盟 - buraku kaihou doumei) wurden Erfolge sichtbar. Die Ziele, die lokale Infrastruktur zu verbessern, betroffenen Familien Unterstützung zu gewährleisten und mittels Bildungsprogrammen bestehende Vorurteile in der Bevölkerung zu bekämpfen, haben zu einer recht durchgreifenden Veränderung geführt. Dennoch sind auch heute die Burakumin-Haushalte finanziell schlechter gestellt und auch die Bildungs- und Arbeitschancen vergleichsweise schlechter als die anderer Japaner.

Ob auch Tagelöhner (日雇い - hiyatoi) zu Minderheiten zu zählen sind, ist umstritten, weswegen hier nur kurz auf sie eingegangen werden soll. Es gibt etwa 1.5 Millionen von der Regierung registrierte Tagelöhner in Japan, die aufgrund ihrer - häufig nur mündlich abgesprochenen - täglich wechselnden Anstellung von vielerart Sozialversicherung und anderer Absicherung ausgeschlossen sind. Der Anteil an und Burakumin, Ainu, Bewohnern der Ryuukyuu-Inseln und Ausländern unter ihnen ist hoch.

Im Verhältnis zu anderen Industrieländern ist die Rate der Ausländer in Japan mit etwa 1,5% sehr gering; die meisten unter ihnen stammen aus Korea. Sie werden in die Gruppen Oldcomers und Newcomers unterteilt, das heißt in Immigranten, die vor 1945 eingewandert sind, und die, die später kamen. Die Oldcomers, fast ausschließlich Koreaner und Chinesen, hatten im Laufe der Geschichte Benachteiligungen und Verfolgungen zu erleiden, die schließlich im Koreaner-Massaker nach dem großen Erdbeben von Kantou 1923 und dem zweiten Weltkrieg gipfelten. Unter Newcomers versteht man die vor allem seit 1970 hinzugezogenen Ausländer, die von einigen Europäern und Amerikanern abgesehen hauptsächlich Philippinen, Thailänder und Ausländer japanischer Abstammung (日系人 - nikkeijin) sind. Während viele Ausländer für die Arbeit in Manufakturen und Fabriken eingewandert sind, ist der Anteil vor allem an Philippinerinnen, die im Erotikgewerbe tätig sind, besonders hoch.
Auch heute gibt es für Ausländer viele Probleme in der japanischen Gesellschaft, so z.B. Schwierigkeiten bei der Anstellung, der Wohnungssuche oder das Verbot, im öffentlichen Dienst zu arbeiten. Besonders das Vorurteil, Ausländer seien stets potentielle Kriminelle, ist weit in der Bevölkerung verbreitet. Erst 1993 wurde die Pflicht, Fingerabdrücke bei der Registrierung zu hinterlassen, abgeschafft.

Bei der letzten hier zu besprechenden Minderheit handelt es sich um die Bewohner von Okinawa bzw. der Ryuukyuu-Inseln (琉球) im Süden Japans. Als Königreich Ryuukyuu waren diese Inseln bis 1872 weitestgehend unabhängig von Japan und zollten der chinesischen Ming Dynastie Tribut. Im zweiten Weltkrieg und danach als Militärbasis der US-Amerikaner genutzt, wurde Okinawa erneut von Japan getrennt und erst 1972 dem Hauptland wieder zugeordnet. Heute ist Okinawa die ärmste der japanischen Präfekturen, mit über 10% Arbeitslosigkeit und einer Jugendarbeitslosigkeit von 25%. Die etwa 1% der Gesamtbevölkerung ausmachenden Bewohner gelten als „exotisch“, „rückwärtsgewandt“ und „unterentwickelt“ und haben kein gutes Ansehen in der restlichen Bevölkerung.
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