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Melonen

Wieder mal habe ich einen kleinen Artikel über Lustiges in Japan geschrieben. Über Kommentare & Kritik freue ich mich wie verrückt!



Die Lebensmittelabteilungen japanischer Kaufhäuser sind einen Besuch wert, egal, wie ungern man normalerweise einkaufen geht. Dort nämlich findet man ein riesiges Angebot an Speisen, ungezählte Ume-Früchte, grenzenlos Gurken, zahllose Zander. Und natürlich Honigmelonen. Denen aber gilt es, besondere Aufmerksamkeit zu schenken; denn wenn man genau hinsieht, haben die säuberlich aufgeschichteten, kugelrunden und von einem feinen, weißen Netz umgebenen Früchte eine besondere Eigenheit: sie sind teuer. Nicht in unserem herkömmlichen Sinn. Ich spreche nicht von einigen Euro zuviel. Nein, die teuerste unter ihnen kostet 300 000 Yen, das sind in etwa 270 Euro.

Das heißt natürlich nicht, daß diese Frucht eine besonders schöne ist. Nein, eigentlich unterscheidet sie sich von außen überhaupt nicht von meinen anderen Melonenerfahrungen oder von ihren Nachbarinnen, die man wahlweise für 240 000, 150 000 oder 120 000 Yen erhalten kann. Und auch, ob man einen geschmacklichen Unterschied in diesen Preiskategorien bemerkt, wage ich zu bezweifeln. Denn würde unsereins eine Melone für 100 Euro kaufen, die nicht perfekt schmeckt?

Natürlich stellt sich die Frage, warum einige Japaner anscheinend bereit sind, Melonen für den Preis eines akzeptablen Fahrrads zu bezahlen. Also fragte ich den Verkäufer der Früchte danach, Herrn Nanjo. Die Konversation war gewissermaßen von vornherein zum Scheitern verurteilt - Englisch und Deutsch sind nicht sehr verbreitet unter der älteren Bevölkerung Japans, und mir fehlte das Wort für "Melonen". Doch tatsächlich schaffte ich es irgendwie, meine Frage zu formulieren. Es war offensichtlich, daß sie Herrn Nanjo noch nie gestellt worden war; lächelnd blickte er unschlüssig nach oben, wohl nicht nur, um nach den englischen Wörtern zu suchen, sondern auch, um eine plausible Erklärung zu finden. "Puresento", bekam ich heraus. Es handelte sich also um Geschenke. Wer würde sich über eine Melone freuen? Nicht, daß wir uns falsch verstehen - ich habe nichts gegen Melonen. Aber wenn ich vor die Wahl gestellt würde, wäre mir ein Fahrrad lieber.

Neugierig unterhielt ich mich darüber mit dem Dolmetscher und Japanexperten Frank Bauer. Durch ihn erfuhr ich, daß Melonen, ebenso wie Erdbeeren, stellvertretend geschenkt werden. "Was soll man schenken, wenn der Gegenüber schon alles besitzt?", fragt er mich rhetorisch. "Durch das Kaufhaus-Schild auf den Melonen weiß der Beschenkte, wieviel Geld ungefähr ausgegeben wurde und würdigt das Geschenk dementsprechend." Tatsächlich: auch in verpackter Form ist das Zeichen des Kaufhauses gut sichtbar aufgeklebt.

Den eigentlichen Haken an diesem, dem Europäer wohl eher unverständlichen Ritual erklärt mir geduldig mein Gastgeber Herr Hatsushi Ueta. "Diese Melonen oder Erdbeeren werden häufig vom Arbeitgeber zum Arbeitnehmer verschenkt, und umgekehrt. Das Problem ist, daß man gesellschaftlich verpflichtet ist, beim nächsten Mal etwas Teureres zu schenken, als man erhalten hat. So treibt dieses Spiel die Preise in unglaubliche Höhen und kann einen manchmal wirklich verrückt machen."
Wie gut, daß einige Japaner doch Englisch können, sonst wäre ich den 200-Euro-Melonen wohl nie auf die Schliche gekommen. Vielleicht bringe ich das nächste Mal einige Melonen mit nach Japan und versuche, sie gegen Fahrräder einzutauschen.



jemand kaufe mir eine!
traurig, aber wahr

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Comments

( 5 comments — Leave a comment )
kutschis
Jul. 18th, 2002 03:34 am (UTC)
*g*
Die spinnen, die Japaner! Nun ja, aber ein japanischer Kollege meines Onkels hat auch mal die mit Abstand hässlichste Fernsehturm-Kristallskulptur gekauft, die ich je gesehen habe, für knapp 500 DM... und auch nur, weil da groß ein Preisschild vom Europacenter dranhing. _-_

Melon ist übrigens das englische Wort für Melone. *g*

warum einige Japaner anscheinend bereit sind, Melonen für den Preis eines akzeptablen Fahrrads zu bezahlen

Der einzige Satz, der komisch klingt. Zahlt er mit Melonen? Du solltest "bezahlen eher gegen "kaufen" austauschen, würde ich sagen.
seidenstrasse
Jul. 18th, 2002 03:40 am (UTC)
Re: *g*
Du solltest "bezahlen eher gegen "kaufen" austauschen

Ah, Du hast recht. Vielen Dank!

Melon ist übrigens das englische Wort für Melone. *g*

Meeensch, das hätte doch gar nichts gebracht! Der konnte kein Wort Englisch. Ich meinte, ich kannte das japanische Wort für Melone nicht.

Also, dann bin ich gespannt, was uns beiden noch alles von die Nase läuft. ^_^
kutschis
Jul. 18th, 2002 03:43 am (UTC)
Re: *g*
Bin ich auch. *g*

Melon (meron) hätte er verstanden, das wird auch in Japan so verwendet. (Das Kanji-Wort wäre allerdings "suika" - hab ich mal im Restaurant gegessen, mit Salz drauf... *schauder*)
captain_harlock
Jul. 19th, 2002 03:30 am (UTC)
Wenn wir schon bei spinnnden Japanern und Melonen sind. Irgendwo habe ich letztens gelesen, daß man in Japan eckige Wassermelonen zur besseren Stapelbarkeit züchtet. Man mag es ja kaum glauben, aber in dem Artikel war ein Foto davon zu sehen.
seidenstrasse
Jul. 19th, 2002 04:49 am (UTC)
Oro?
Echt? Das ist ja spannend. Wenn Du Dich erninnerst, wo Du es gelesen hast, wäre ich sehr interessiert. Vor allem natürlich an dem Photo. Dann könnte ich vielleicht meinen Artikel mit dieser netten Anekdote bereichern.
( 5 comments — Leave a comment )