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Sprachliche Hürden

Zunächst: Es gibt zwei weitere Artikel in meinem Arbeitsjournal; einerseits die Fortsetzung des im letzten Eintrag angefangenen Artikel über Shanghai von 1923, andererseits eine kleine Besprechung des Vortrags über die Bewegung des 4. Mai, den ich jüngst im Konfuziusinstitut hören konnte.

Nun aber zu einer lustigen Begebenheit, die mir heute beim Dolmetschen widerfahren ist. Ich helfe seit etwa einem Jahr einer japanischen Familie bei verschiedenen Arztgängen und vor allem bei Besuchen bei Therapeuten für die Tochter der Familie, mit der es einige Probleme gibt. Heute ergab sich in etwa folgendes Gespräch:

Japanerin: [...]どうしたらいいのかと聞きました。
Nora: [gedolmetscht] Und dann habe ich meine Tochter gefragt, was wir tun könnten, um das Problem zu lösen.
Therapeutin: Hat sie "wir" gesagt oder hat sie "du" gesagt?
Nora: Sie hat gar kein Personalpronomen benutzt; der Satz hatte kein Subjekt.
Therapeutin: Wie meinen Sie das? Ein Satz muß doch ein Subjekt haben.
Nora: Nicht im Japanischen. Die meiste Zeit wird vermieden, den Gegenüber mit einem konkreten Personalpronomen anzusprechen. Wenn überhaupt, sagt man den Namen oder die Stellung. Aber meistens läßt man es einfach weg.
Therapeutin: Das geht doch nicht!
Nora: Nun ja...
Therapeutin: Sowas aber auch! Ein wichtiger Punkt ist nämlich bei solchen Gesprächen eigentlich, daß man das Kind direkt anspricht, weil ihm so auch klarer wird, daß es unmittelbar selbst von dem Problem betroffen ist und sich auch aktiv damit beschäftigen kann. Was machen wir denn nun? Das geht doch alles nicht! Ist ja unglaublich! [...]

Das versuch ich den Japanern ja auch die ganze Zeit beizubringen, aber sie wollen einfach nicht hören!

Comments

( 10 Kommentare — Kommentieren )
riccichan
Feb. 24th, 2010 10:10 pm (UTC)
LOL! Oh je...

Wie meinen Sie das? Ein Satz muß doch ein Subjekt haben.

Ha, du glaubst gar nicht, wie oft ich diese Aussage schon gehört habe, wann immer ich Nicht-Japanischsprechenden etwas über die Sprache erzählen sollte.
seidenstrasse
Feb. 24th, 2010 10:18 pm (UTC)
Ja, ist auch nicht das erste Mal, daß mir das begegnet. Diesmal war es nur besonders lustig, den die Therapeutin ist wirklich eine großartige Frau, die immer unheimlich viele gute Ideen hat, um der Familie auf alle möglichen Weisen zu helfen. Das war, soweit ich mich erinnere, das erste Mal, daß sie eine Weile überlegen mußte, wie sie jetzt weitermachen könnte...
oh_galore
Feb. 24th, 2010 11:24 pm (UTC)
Irgendwie kann ich mir bei Japanern nicht vorstellen, dass sie in subjektlosen Situationen wie dieser tatsächlich mal "ich" meinen...(bzw. jemanden direkt ansprechen)
Wenn meine japanischen Freunde hier English sprechen (das können sie sogar richtig gut) dann ist es immer "we" :P
seidenstrasse
Feb. 25th, 2010 01:40 pm (UTC)
Ja, ich bin mir auch ziemlich sicher, daß man diese Gedanken im Deutschen durch "man" oder "wir" übertragen sollte und glaube auch, daß das so gedacht wird. Häufig kommt es ja vor, daß man z.B. bei einem vorliegendem Text einen japanischen Leser nach dem gefühlten Subjekt eines Satzes fragt und der Muttersprachler sich gar nicht festlegen kann. In der Situation oben ist zwar klar, um wen es geht, aber gefühltes Subjekt ist bestimmt so etwas allgemeines wie "man".
sashatwen
Feb. 25th, 2010 01:28 pm (UTC)
Tsk. Immer diese unmöglichen Japaner!

Tatsächlich ist das aber ein interessantes Thema, Interkulturalität und Therapie. Da kann so einiges erschwert werden, wenn es um solcherlei Missverständnisse geht. Gerade bei der Psychoanalyse frage ich mich des Öfteren, wieviel an westlicher Kulturspezifik drinsteckt, und wieviel davon tatsächlich "universal" ist.
seidenstrasse
Feb. 25th, 2010 01:38 pm (UTC)
Das ist wirklich eine hochinteressante Frage; wir sind auch ab und zu an solche Grenzen gestoßen im letzten Jahr. Auf jeden Fall ein ein wichtiger Punkt, daß Therapeuten und Psychologen der Familie immer raten, offen über alles zu sprechen und auch mal konfrontativ aufzutreten, vor die Mutter dann gerne mal etwas verlegen lächelt und das dann so macht, wie sie denkt. Aber Kulturunterschied hin oder her - offen über Probleme sprechen hilft und hilft auch in der Familie, die ich betreue und die so ganz langsam damit anfangen. Ich denke, daß gibt es also schon eine ganze Menge Gemeinsamkeiten.

Bei der Psychoanalyse kenne ich mich nicht so gut aus, wir hatten immer nur Therapie. Aber das ist sicher ein spannendes Doktorarbeitsthema...
sashatwen
Feb. 25th, 2010 02:27 pm (UTC)
Ho-hum, verwechsle ich da jetzt etwas? Psychoanalyse ist doch eine ganz klassische Methode der Psychotherapie.

Und Aaaaargh! Fang du nicht jetzt auch schon wieder von Doktorarbeit an :-)
seidenstrasse
Feb. 26th, 2010 12:26 pm (UTC)
Vielleicht habe ich da auch was verwechselt, aber ich dachte, daß sich die Methoden da schon sehr unterscheiden und ein Psychoterapeut keinesfalls gleichzeitig ein Psychologe sein muß. Jedenfalls kenne ich selbst bisher nur Kinder-Psychotherapie und Ergotherapie, deswegen dachte ich, daß das schon noch anders ist.

Wer fängt denn noch mit Doktorarbeit an? Na gut, zwei Semester geb ich Dir noch, und dann müssen wir ernsthaft darüber reden, Frau O.!
sashatwen
Feb. 26th, 2010 01:53 pm (UTC)
Wir reden gerade von zwei verschiedenen Schuhen. Ein Psychotherapeut muss kein Psychologe sein, aber ein Psychoanalytiker muss AUCH kein Psychologe sein.

Psychotherapeut wird man durch eine Zusatzausbildung, wobei das klassische dorthin führende Studium entweder Psychologie oder Medizin ist.

Es gibt in der Psychotherapie aber zig Therapiemethoden und -schulen. Die Psychoanalytische Psychotherapie und die Kognitive Verhaltenstherapie sind die einzigen beiden, die von gesetzlichen Krankenkassen bezahlt werden, es gibt aber noch alles mögliche andere.

Kinder-Psychotherapie ist eine Spezialisierung, für die man wiederum eine bestimmte Ausbildung braucht, diese sagt aber noch nichts über die Methodik des Therapeuten aus.

So, und für den Rest gibt es Wikipedia, der Eintrag dazu ist recht gut :-)

Und nee, dieses Jahr ist nichts mehr mit Doktorarbeit! Erstmal Leichen aufschneiden und so...
seidenstrasse
Feb. 26th, 2010 02:25 pm (UTC)
Hui! Ein Glück, daß meine Magisterarbeit von was ganz anderem handeln wird! :D Viel Spaß mit den Leichen!
( 10 Kommentare — Kommentieren )