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Tag 4 [Suzhou] - Frühling auf Abwegen

Suzhou ist bisher meine Lieblingsstadt in China. Man lese, warum.



Immer auf der Suche nach "techan", das bedeutet, besonderen Produkten der Region, aßen wir an diesem Morgen gebratene gefüllte Baozi und Shoko bestellte todesmutig das berüchtigte Stinktofu, das wirklich so stinkt wie keine andere Speise dieser Welt. Ihr war dann auch folgerichtig den Rest des Tages übel.



Beim Spaziergang durch die Straßen in der Nähe unserer Herberge durften wir zusehen, wie eine unserer erklärten Lieblingsspeisen zubereitet wurde: Zhimatangyuan: Mit einer Creme aus schwarzem Sesam und Zucker gefüllte Reisklöße. (Für die Japanologen hier: Gomadango.)



Der bisher schönste Tag war vor allem dem blendenden Wetter und Suzhous Zhuozheng-Yuan (was so viel bedeutet wie "Park des leicht minderbemittelten Administrators") zu verdanken. Das ist einer der "vier Parks" Chinas, was nichts weiter heißt, als das er sehr schick ist. Und das ist er auch, wie man an den Photos wird erkennen können.



Das ganze war auch deswegen so sehr erfrischend für mich, weil es wie ein Ausflug in den Frühling schien. Südchina hat nämlich im Winter ein seltsames Problem. Vor etwa 50 Jahren hat man in der VR aufgrund von Ressourcenknappheit entschieden, daß alle Orte nördlich des Yangtze Heizungen bekämen - die südlich des Flusses dementsprechend nicht. Mittlerweile kann man, wenn man möchte, überall Heizungen und Klimaanlagen kaufen. Komisch ist dabei also nur: Viele Chinesen hier machen das nicht. Schlimmer noch: Draußen liegt Schnee, aber Türen und Fenster von Wohnungen stehen sperrangelweit offen.



Auch in den Jugendherbergen, die wir bisher kennenlernen durften, war die Situation nicht anders: Entweder standen die Eingangstüren offen oder es waren gleich ganze Bereiche des Gebaudes von Natur aus offenstehend. Das mag im Sommer ganz famos sein, weil es da hier im Süden heiß und feucht ist. Mich wundert nur, daß es im Winter niemanden (außer uns paar Touristen) stört. Duschräume befinden sich häufig im freien, aber wir haben natürlich Klimaanlagen auf den Zimmern. Die stehen, leicht ironisch will mir scheinen, immer auf 30 Grad. Ich muß nicht erwähnen, daß das Zimmer nicht dreißig Grad warm ist. Das Zimmer ist nicht mal 20 Grad warm; ich schätze auf gemütliche 10-14 Grad. Gut angefreundet habe ich mich also in den letzten Tagen mit multiblen Bettdecken und einer heißen Wasserflasche.



Nach dem also außerst vergnüglichen Gang durch den Park gingen wir in das Seidenmuseum, das laut Lonely Planet ein "must see" in Suzhou ist. Es wäre sehr gut gewesen, wenn sie wenigstens echte Seidenraupen gehabt hätten! Stattdessen sah man nur einige Exemplare in Chlorofom, Styropor, oder wie das auch immer heißt. Vielleicht hätte ich dafür in den Tierpark gehen sollen. Als kleinen Trost versicherte mir Shoko aber, daß ihre Tante bei sich zu Hause etwa 10.000 Seidenraupen habe, die ich mir dann bei einem Besuch ansehen könne.


Für die verkrüppelten Füße der alten Zeit hergestellte winzige Damenschuhe.


Zum Tagesabschluß liefen wir eine ganze Weile herum, bis wir schließlich bei dem Bootssteg gleich neben unserem Hotel das gewünschte Boot buchen konnten, mit dem wir eine halbe Stunde durch die Gegend schipperten. Es war natürlich kalt, aber schön. Wir kamen recht früh in der Jugendherberge an, was mich aber nicht davon abhielt, erschöpft einzuschlafen.