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Eingeeist

Ich musste dringend wieder ins Internet, deswegen gibt es heute schon wieder einen neuen Eintrag.

Das Wochenende war zehrend; diesen Montag haenge ich voellig durch. Gestern haben wir leider kaum geschlafen und sind danach wieder abends los zum Karaokesingen. Ich mag ja eigentlich Karaoke sehr gern, und so einen Edelschuppen, wie wir gestern besucht haben, koennte ich mir in Deutschland niemals leisten. Man mietet das Zimmer (Kronleuchter, Ledersofen, Riesenbildschirm, supermoderne Anlage) und Bedienstete in Frack kommen in Sekundenschnelle vorbei und bringen einem alles, was man verlangt. Auf dem Buffet gibt es die herrlichsten Spezereien, Pekingente, Salate aller Art, Fleisch, Fisch, Ei ...
Einziger Wehrmutstropfen war, dass wir zu lange da waren und ich auch jetzt nach einem zweistuendigen Mittagsschlaf noch voellig muede bin und dadurch der Montag verschenkt ist. Morgen wird aber sicher schoen, denn wir treffen unseren Dozenten, der erstens ein netter Umgang ist und zweitens sicher noch den ein oder anderen Tip auf Lager hat.

So viel Interessantes gab es nicht zu photographieren, aber eine ganz komische Entdeckung haben wir gestern dann doch noch gemacht:




Durch irgendeinen kuenstlichen Eingriff gab es an einem kleinen Abschnitt der Strasse zu unserer Universitaet untenherum eingefrorene Baeume, Pfeiler, Zaeune, Baenke. Das sah schon sehr ulkig aus. Wenn ich nicht ueberzeugt waere, dass es sowas nicht ohne ein Schildchen gibt, wuerde ich fast andenken, das sei wieder so ein total plemmplemmer Aktionskuenstler, aber so... Wir standen jedenfalls einige Zeit staunend davor.







Weil gestern so wenig Erwaehnenswertes passiert ist, kann ich ja mal ein bisschen von generellen Eindruecken Chinas berichten.

Die Leute sind bei den ersten Erfahrungen tatsaechlich ein Schock fuer mich gewesen. Ueber Japaner liest man ja aufgrund der Selbstverkultung alle Nase lang Allgemeinplaetze, aber ich hatte wohl nie so richtig nachgeforscht, was fuer eine Lebenshaltung mich hier in China erwarten wuerde und war mehr als ein bisschen ueberrascht.
Meinen bisherigen Beobachtungen zufolge gibt man hier, wie wohl schon einmal geschrieben, viel schneller Emotionen freien Lauf. Das aeussert sich zum Beispiel darin, dass man von einer Verkaeuferin schon mal spontan umarmt wird, wenn sie es lustig fand, mit einem zu handeln. (Ich habe das uebrigens inzwischen bis aufs Letzte gemeistert.) Die Passanten streiten lauthals mit Polizisten und anderen Offiziellen und man sieht auch ab und an geschwungene Mittelfinger; auf der Rueckreise vom Yiheyuan wurden wir sogar einer Schlaegerei teilhaftig. Dann bekommt man auch gleich mal eine Schnute gezogen, wenn der Gegenueber unzufrieden mit einem ist. Das stoesst mich manchmal doch ganz schoen vor den Kopf und ich merke erst, wie indirekt sogar die Deutschen sind, denen man das ja nicht unbedingt nachsagt. Vor drei Tagen wurden Marta und mir von einer Bediensteten beim Abraeumen ein herrliches Lied vorgesungen, und sowieso hoert man allenorts singende Menschen.
Es ist also gewoehnungsbeduerftig, aber nicht unbedingt schlecht.

Dann ist natuerlich die Reise auch in hohem Masse zur Meinungsfindung gedacht gewesen, ob ich in Peking studieren will. Noch immer bin ich mir ganz unsicher und liste deswegen hier einmal auf, was dafuer, und was dagegen spricht (ja, ich liebe Listen):

Dagegen:

  • Pekings Luft ist verpestet. Das ist so schlimm, dass unsere Sachen, die eine Nacht an einem leicht geoeffneten Fenster zum Trocknen lagen, gleich noch einmal gewaschen werden mussten, so verdreckt waren sie. In meinem Kamm sind ganze Staubflocken und meine Schuhe sind sowieso auch nach einem 3-Minuten-Spaziergang zugestaubt. Die erste Woche hatten wir beide Atemprobleme, jetzt hat sich die Lunge wohl gewoehnt.


  • Peking ist supermodern. Es liegt vielleicht an mir, aber ich wollt bei einer Chinareise natuerlich vor allem geschichtlich interessante Gegenden kennenlernen. Gluecklicherweise ist Peking so gross, dass man auch hier viele schoene Ecken hat, aber alles in allem ist es doch eine dieser asiatischen Superstaedte, die mir wohl einfach zu ungemuetlich zum leben sind.


  • Peking hat massenweise Auslaender. Nichts gegen Auslaender. Ich bin gewissermassen selber einer. Aber die Stadt ist an vielen Orten dermassen auf Auslaender zugeschnitten, dass man dort gar keine Chinesen mehr sieht. Wenn man Lust hat, kann man hier ein komplett europaeisches Leben leben und kein Wort Chinesisch sprechen. Dadurch hat man, denke ich, mehr Schwierigkeiten, Kontakt mit Chinesen und chinesischer Lebensweise zu machen.


Dafuer:


  • Peking hat eine Vielzahl kultureller Erlebnismoeglichkeiten.


  • Die oben bemaengelte Europaeisierung macht andererseits das Leben hier sehr bequem; es mangelt einfach an nichts Materiellem.


  • Das Essen ist oberklasse.


  • Die Universitaeten hier und die Bibliotheken sind hervorragend.


Wie man also sieht bin ich wirklich noch sehr unentschlossen. Ich gucke mir das mal die verbleibenden 9 Tage weiter an.

Comments

( 5 Kommentare — Kommentieren )
sahnekaramell
Mar. 13th, 2006 04:11 pm (UTC)
Liebe Grüße aus Trier nach China! Ich lese mit Begeisterung und Neugierde... ^_^

Mit dem Studieren - da kann man rational soviel drüber theoretisieren, wie man will. Eigentlich ist es doch eine Bauchentscheidung, oder? Für und gegen alles lassen sich Argumente finden. Und für und gegen dieselben dann wieder. Aber um die ganzen Argumente geht es eigentlich nicht wirklich. Es geht nur um eins: Willst du oder nicht!?
seidenstrasse
Mar. 16th, 2006 04:47 am (UTC)
Das ist ja das Problem - ich bin mir nicht so sicher. Ein schlagender Umstand, der mir gestern noch eingefallen ist, ist, dass man woanders kein Putonghua, also kein Standardchinesisch spricht. Das ist schon ziemlich wichtig, denke ich. Mein Dozent meinte, ich solle hier die Vorteile der Verwestlichung geniessen, in seltsame Orte reisen koenne ich immer noch.
zauberhuehnchen
Mar. 15th, 2006 12:41 am (UTC)
China macht es auch nicht mehr lange. Die haben da jetzt schon Karaoke.
(Anonymous)
Mar. 15th, 2006 10:25 am (UTC)
Gruesse aus Niigata
Danke fuer die Postkarte aus China!
Irgendwann moechte ich das Qin Shihuangdis Mausoleum besuchen!
seidenstrasse
Mar. 16th, 2006 03:15 pm (UTC)
Re: Gruesse aus Niigata
Das koennen wir das ja gemeinsam machen!
( 5 Kommentare — Kommentieren )